Chronik der galoppierenden Ereignisse

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Franz Krüger: Zwei Reiter im Galopp
Franz Krüger: Zwei Reiter im Galopp

Früher war´s die Chronik der laufenden Ereignisse, heute galoppieren sie. Montag nachmittag sogar kurzfristig der Aufmacher bei SPON. So schnell kanns gehen. Bereits zuvor erschienen (siehe unten) eine Reihe von kritischen Beiträgen und Kommentare zum Thema, alles wichtig, weil nur so die a) notwendige Diskussion zustande kommt und b) Diskussionen definitiv zum scientific repertoire gehören. Soweit so gut.

Allerdings waren es meist noch mehr Meinungen. Und eine Reihe kritischer Fragen und Einwürfe, allesamt berechtigt. Keiner, soweit ich sehen kann, hat den so kontrovers diskutierten Artikel als Fakenews, schlampig recherchiert oder unseriös entlarvt. Schreibt doch das Magazin über sich selbst: „Seit über vierzig Jahren steht Das Magazin für herausragende Reportagen, Portraits und Essays. Das Magazin pflegt bewusst einen «slow journalism», klassische News sowie rasch Geschriebenes überlassen wir den Tagesmedien. Das Magazin soll ein Leservergnügen sein, wir pflegen eine sorgfältige Sprache, und legen viel Wert auf die Art und Weise, wie in unserem Blatt die Geschichten erzählt werden. Das Magazin richtet sich an anspruchsvolle Leserinnen und Leser, die über mehr Zeit verfügen um ihren intellektuellen Hunger zu stillen als ein paar Minuten.

Skepsis, so de Tenor, ist angebracht, weil es nur diese eine Quelle gibt (trifft für die meisten wissenschaftlichen Publikationen und Stories zu), weil um Big Data sowieso zu viel Bohai gemacht wird, zumal es in der Werbung selten klappt (Werbung und Politik, zumal in Filterblasen unterscheiden sich in Sachen Beeinflussung nach Meiner Meinung grundlegend) und überhaupt ist die heutige Welt zu kompliziert, um sie monokausal zu erklären. Wer wollte da widersprechen? Aber egal, die notwendige Diskussion ist eröffnet und das ist gut so.

Twitter und Gesprächsleitfaden

Später am Tag traf ich mich mit einem Bekannten (Marketing im weitesten Sinne) im Café Nerd, wobei wir auch auf den Artikel zu sprechen kamen. Und siehe da, wir stolperten über die gleichen Passagen des Artikels, darunter auch die Sache mit dem Gesprächsleitfaden: „Und die Massnahmen der Firma sind radikal: Ab Juli 2016 wird für Trump-Wahlhelfer eine App bereitgestellt, mit der sie erkennen können, welche politische Einstellung und welchen Persönlichkeitstyp die Bewohner eines Hauses haben. Wenn Trumps Leute an der Tür klingeln, dann nur bei jenen, die die App als empfänglich für seine Botschaften einstuft. Die Wahlhelfer haben auf den Persönlichkeitstyp des Bewohners angepasste Gesprächsleitfaden bereit. Die Reaktion wiederum geben die Wahlhelfer in die App ein – und die neuen Daten fliessen zurück in den Kontrollraum von Cambridge Analytica.“

Ich fand die Twitter Story höchst interessant: „Der 70-jährige Trump ist kein Digitaltyp, auf seinem Arbeitstisch steht nicht einmal ein Computer. So etwas wie eine E-Mail von Trump gibt es nicht, hat seine persönliche Assistentin einmal verraten. Sie selber habe ihn zum Smartphone überredet – von dem aus er seither unkontrolliert twittert.“ Damit erreicht er derzeit knapp 17 Millionen Follower, im Vergleich dazu brachte es der New Yorker 1915 auf eine Auflage von 1.8 Millionen und die Washington Post täglich auf 400.000 verkaufte Exemplare.

Die Conversions-Rate um 1400 Prozent steigern?

Wie geht es weiter? Laut Magazin hat all das „Kosinski antwortet auf die Entwicklungen mit der schärfsten Waffe, die einem Forscher zur Verfügung steht: mit einer wissenschaftlichen Analyse. Zusammen mit seiner Forscherkollegin Sandra Matz hat er eine Reihe von Tests durchgeführt, die bald veröffentlicht werden. Erste Ergebnisse, die dem «Magazin» vorliegen, sind beunruhigend: Psychologisches Targeting, wie Cambridge Analytica es verwendete, steigert die Clickraten von Facebook-Anzeigen um über 60Prozent. Die sogenannte Conversion-Rate, also wie stark Leute – nachdem sie die persönlich zugeschnittene Werbung gesehen haben – auch danach handeln, also einen Kauf tätigen oder eben wählen gehen, steigerte sich um unfassbare 1400 Prozent.“

Das finde ich unglaublich!

 

Kritische Stimmen:

Dennis Horn im WDR-Blog: „Etwas, das so gut ins Bild passt, das als tragische Heldengeschichte daherkommt und endlich einen Sündenbock und einen Grund für den Wahlsieg Donald Trumps liefert – etwas, das gerade jeder hören möchte, das fast schon zu perfekt klingt, um wahr zu sein, sollte man vielleicht zweifach, dreifach, vierfach auseinandernehmen.“ Richtig!

Dennis Horn, WDR-Blog, Hat wirklich der große Big-Data-Zauber Trump zum Präsidenten gemacht?

SPON,  Ich ganz allein habe Trump ins Amt gebracht

Taz, Die waren es!

FAZ, Das Ende des Wahlkampfs, wie wir ihn kennen

Jens Scholz, HAT EIN BIG DATA PSYCHOGRAMM TRUMP WIRKLICH DEN SIEG GEBRACHT?

Advertising Age, Cambridge Analytica Not Exactly Toast of the Town,

Civicist, RETROSPECTIVE WISHCASTING

Civicist, PREPARING FOR THE CAMPAIGN TECH BULLSHIT SEASON,

 

 

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